Als die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten die diesjährige Tour de France spontan und endgültig aus dem Programm nahmen, hatte die seit längerem schon brodelnde Doping-Diskussion ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Nicht nur der einzelne Radsportler und seine Teamkollegen, sondern gleich der Leistungssportler an sich war im öffentlichen Bewusstsein per Rundumschlag zum athletischen Medizinschrank verkommen. Hat sich die Aufregung auch vergleichsweise schnell wieder gelegt, so zeigt sich in den vielen Verurteilungen, Vorverurteilungen und Erklärungsversuchen aber auch ein ganz symptomatisches Problem. Und das hat im Wesentlichen mit einer auffälligen Unschärfe im Umgang mit dem Dopingbegriff an sich zu tun.
Im Zuge einer recht kurzsichtigen psychologisch-soziologischen Sicht der Dinge, die ihren analytischen Blick auf die einschlägigen Fälle von ertappten Doping-„Sündern“ im Rahmen sportlicher Wettkampfveranstaltungen richtet, wird Doping schnell zu einem sich nicht nur auf den Sport beschränkenden Symptom einer ausnahms- wie rücksichtslos leistungsorientierten Gesellschaft erklärt.
Dem Status Quo wird bescheinigt, überall seien Menschen unter permanenten Erfolgsdruck gestellt und sähen sich in der Zwangslage, stets Höchstleistungen zu erbringen, da permanent der Gefahr ausgesetzt, von Konkurrenten oder Mitbewerbern ausgestochen oder übertroffen zu werden, chronisch angespannt, dem wachsenden Druck nicht mehr genügen zu können.
Der Griff zu Doping sei verständlich, und der Einsatz desselben im Profi-Sport stelle nur die Spitze des Eisbergs dar - denn („Hand aufs Herz“, möchte man hinzufügen) wer greife denn nicht zu leistungssteigernden oder aufputschenden Mitteln, um eventuellen Schwächeeinbrüchen von Körper (oder auch Psyche und Geist) ein Schnippchen zu schlagen? Koffeinhaltige Getränke, Zigaretten, Psychopharmaka, Medikamente, diverse Nahrungsmittel (bevorzugt Süßwaren) werden dann aufgezählt, und es scheint belegt: Doping ist unanständig und unmoralisch. Aber, da (fast) jeder es betreibe, sei es eben verständlich. Und eigentlich - von etwaigen unerfreulichen Auswirkungen auf das Wohlbefinden oder die Gesundheit abgesehen - auch gar nicht so schlimm. Oder aber das Bestreben nach Steigerung von Leistung gerät als solches ins Zwielicht. Und dabei wird nicht selten der Anschein vermittelt, man messe mit zweierlei Maß, denn im Sport empöre man sich über Dopingsünder, während man auf sonstigen Gebieten den Mantel akzeptierenden Schweigens über den allerorts anzutreffenden Einsatz von diversen Mitteln und Methoden zur Leistungssteigerung breite.
So oder so ähnlich begegnen zuhauf Bemühungen, sich mit dem Phänomen „Doping“ mehr oder minder gründlich, fundiert oder vermeintlich „analytisch“ auseinander zu setzen. Und auch bei nicht ausgewiesen Sportinteressierten stellt sich Kopfschütteln ein, und zwar in Gestalt eines instinktiven Verdachtes, dass man es da mit Unrecht bzw. mit Ungerechtigkeit in vielgestaltigen Facetten zu tun hat, ohne recht zu wissen, geschweige denn benennen zu können, warum bzw. inwiefern. Und das ist fatal. Denn nicht selten werden in einem Aufwasch Erfolg und Erfolgsstreben bzw. Leistungsorientierung und insbesondere jegliches Bestreben um Leistungssteigerung einer Anrüchigkeit ausgesetzt, die ganz und gar fehl am Platze ist, und die darüber hinaus den „rechtmäßigen“ Stein des Anstoßes, nämlich den Regelverstoß, den Einsatz unzulässiger Mittel, beinahe zu einem Kavaliersdelikt bagatellisiert und verharmlost.
Dabei wird schnell übersehen, dass es sich um einen irrig erweckten Eindruck und um eine grundlegende Verkennung des Sachverhalts handelt, z.B. das Kaffeetrinken während der Arbeit als eine Variante oder Form des Dopings zu erachten. Doping - und diesbezüglich verbietet sich jedwedes Verwischen von klaren Grenzen - ist keinesfalls jedwedes Nutzen von „leistungsbeeinflussenden“ Mitteln, ob aus Neigung, aus Gewohnheit und / oder aus - völlig legitimer - Bemühung um Erhalt oder Steigerung individueller Leistungsfähigkeit oder Belastbarkeit.
Die Rede vom Doping sollte folgendem Sachverhalt vorbehalten bleiben: nämlich dem Einsatz von Mitteln, die unzulässig, verboten, ausgeschlossen oder untersagt sind, sei es zur Erreichung eines selbst gesetzten oder eines vorgegebenen (dann also übernommenen) Zieles. Von Doping kann demzufolge und sinnigerweise nur dann geredet werden, wenn man es mit vordefinierten, festgesetzten Regeln zu tun hat. Doping kann überhaupt nur innerhalb eines gesetzlichen Rahmens, innerhalb eines gesetzlich geregelten Zustandes bzw. Zusammenwirkens und Zusammenhandelns von Menschen stattfinden, und damit innerhalb eines Systems, das aus dem Prinzip der Gerechtigkeit, im Sinne der weitest möglichen Chancengleichheit und Gleichberechtigung erwachsen ist.
Der Dopende verstößt gegen Regeln. Er erschleicht sich einen Vorteil, indem er „foult“. Man kann auch sagen: er betrügt. Denn er setzt Mittel ein, die er – den betreffenden Regeln zufolge – innerhalb des jeweiligen Wettkampfes oder Spieles nicht einzusetzen berechtigt ist, also nicht einsetzen darf. Im Grundsatz unterscheidet er sich da nicht vom Kartenspieler, der mit gezinkten Karten sein Ziel des Spielgewinns zu erreichen hofft. Doping bedeutet, das jeweilige Spiel zu verderben - mehr noch: es unmöglich zu machen.
Aber halt: Heiligt denn vielleicht im Sport der jeweilige Zweck die Mittel? Gehört es doch zum Standardrepertoire, in die wehklagende Leier zu verfallen, die („heutzutage üblichen“) Ziele seien einfach nicht zu erreichen, ohne auf entsprechende Dopingmittel zuzugreifen. Und diese Ziele seien ja nun einmal die (übersteigerten) Erwartungen und Ansprüche, welche Sponsoren und Geldgeber, das Publikum und die interessierte Öffentlichkeit unbeirrbar, gedanken- oder gnadenlos stellten. Letztlich reagiere man also, indem man dope, nur auf den zunehmenden Druck immer weiter steigender Erwartungen – und damit wäre Doping doch eher so etwas wie Notwehr.
Wie absurd solche Rechtfertigungsversuche beim näheren Hinsehen auch wirken, unternommen werden sie nichts desto trotz, und die aktuelle Diskussion belegt dies nur zu ausführlich. Selbstverständlich und glücklicher Weise gelingt es jedoch nicht, und zwar weder auf diesem noch auf sonstigem Weg, Dopingmitteleinsatz sozusagen „durch die Hintertür“ und rückwirkend zu legitimieren. Zu offensichtlich ist die Sinnlosigkeit eines solchen Vorhabens.
Die Faktizität von Leistungsdruck durch überhöhtes Anspruchsdenken (egal ob im Leistungssport oder anderswo) ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Hier gilt es anzusetzen. Zum Reformprogramm gehört in jedem Fall eine Transparentmachung der Ziele, also der unter bestimmten Umständen, Bedingungen und Mitteleinsätzen zu erwartenden, realistischen (im Sinne von realisierbaren) Ergebnisse, sowie die Diskussion der jeweiligen Regeln, denn diese sind variabel. Nur nach erfolgter Zielbestimmung unter Vorgaben realistischer Machbarkeit und der Einigung auf bestimmte Regeln, sowie deren Inkraftsetzung, können selbige sinnvoller Weise verbindlich gültig für alle Teilnehmenden sein. Alles andere ist schlichte Rausrederei.
Quelle: ‘Philosophiemonatsbrief’ (Ausgabe 09/2007)
www.philosophiemonatsbrief.de
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